Ein Buch von Simon Friss und Howard One
Kunst und Pop seien entgegen der Argumentation der elitären Kunstkritik keine getrennten Welten postulieren die beiden britischen Soziologen Simon Friss und Howard Horn und präsentieren in ihrem Buch "Art into Pop" einen Abriß der History of British Pop als Kunstgeschichte und umgekehrt. Großbritannien besitzt nicht nur die meisten Kunstschulen im Verhältnis zur Einwohnerzahl, auch überdurchschnittlich viele britische Popstars starteten ihre Karrieren als Studenten der schönen Künste. Und gerade dieser Umstand erkläre den Meilensteincharakter britischer Popmusik, meinen die Autoren.
Friss und Horn nennen bedeutende Namen. Sie beginnen bei dem Bluesbreaker John Meal der seine erste Band in den 50er Jahren am Reginal Collage of Art in Manchester formierte. Sie zitieren John Lennon, der von 1957 bis 1960 am Liverpool Collage of Art inskribiert war, weil das besser gewesen sei als Arbeiten zu gehen. Aus dem selben Grund landete auch Rolling Stone Keith Richards im Kunstkolleg, ebenso wie Eric Clapton und Eric Burdon. Der Beat der frühen 60er Jahre - immer als Aufstand der jugendlichen Arbeiterklasse interpretiert - war von allem Anfang an auch ein Kunstphänomen. Pete Townshead von den WHO orientierte sich bei seinen On Stage Gitarren Zertrümmerungen an Gustav Mezgers Autodestruktiven Performances. Und Ray Davis Mastermind der Kings wäre nach eigener Aussage am liebsten Maler geworden, weil er Rembrandt so bewunderte. Friss und Horn sehen in der Selbstinszenierung der Popstars die konsequente Fortführung der Dandy und Bohemetradition des 19. Jahrhunderts. Ganz deutlich tritt diese artifizielle und extrem subjektivistische Sicht anfang der 70er Jahre hervor. Mark Bowland, David Bowie und Roxie Music konstruieren ihre Images nun tatsächlich am Reißbrett. Noch einen Schritt weiter geht Malcolm Maclaren Mitte der 70er Jahre. Er zieht die Fäden nur mehr aus dem Hintergrund. Auf der Bühne aggieren seine Kreationen die Sex Pistols. Hier hat das Künstliche erstmals die Wirklichkeit überholt. Das Kunstprodukt Punk schafft seine Protagonisten die Punks. Erst war die Sicherheitsnadel bestückte Form, der dazupassende Aufstand der arbeistlosen jungrebellen folgte auf dem Fuß. Formal war Punk ein ästhetischer Affron gegen den Staus Quo. Seine intellektuell verfeinerte Spielart, die nachfolgende New Wave, vollzog die Umwertung der Werte, indem sie die Tradition zum Kostümfundus umfunktionierte. Kunst und Pop in Pop und Kunst waren gefragter denn je. Zitiert wurde in Wort, Ton und Bild von Aba bis Dada. Popmusik war endgültig nicht länger eine Reaktion auf Wirklichkeit, sondern auf das massenmedial aufbereitete Bild von Wirklichkeit und reagierte ebenfalls massenmedial. Musikvideos wurden die aktuelle Ausdrucksform des Pop. Schlußendlich hatte das Bild, die optische Erscheinungsform die Popmusik, welche sei von Anfang an in manigfaltiger Weise begleitet hatte, ganz eingeholt. Heute ist das Video bereits wichtiger als die Musik. Pop ist reine Form, Mode, Stil geworden. Weltweit bestimmend für Bands und Fans sind Styl- und Fashionmagazine. Auf der Strecke geblieben sind allerdings die Inhalte. War Pop in seinen Anfängen subversiver Aufstand und positive Utopie einer jugendlichen Gegenkultur, der sich der subversiven und utopischen Ausdrucksformen der Kunst und Kunstgeschichte bediente, so ist die Popkultur heute ein rein formales Phänomen. Die Kunst hat diesen Weg der Sinnentleerung schon früher beschritten. Im Zuge seiner verkünstichung ist Pop ihr nachgefolgt.
Diesen Gesinnungswandel orten Friss und Horn auch in den Art Collages selbst. Waren diese früher Auffanglager von angry young people die den Aufstand probten, so streben Kunststudenten heute, wie alle anderen studenten auch vor allem eine schnelle Karriere an. Und das Streben nach oben hat auch im Pop den Drang zum Ausdruck ersetzt. Die Kraft und die Faszination von Popmusik entsprangen immer ihrem Bezug zum every day live, ihren sozialen Sprengkraft wenn sie den Gefühlen und Träumen der sprachlosen Massen zum Ausdruck verhalf. Kunstmethoden gaben diesem Ausdruck Schärfe und Prägnanz. Vielleicht ist Popmusik wie sei seit Mitte der rocking Fifties bis vor wenigen Jahren die Welt immer wieder erschütterte bereits historisch geworden und Friss und Horn haben im Buch Art into Pop in bester strukturalistischer Tradition ein sterbendes Phänomen festgeschrieben.
