Donnerstag, 6. Oktober
Am Programm standen:
Professor Friedrich Kittler Medientheoretiker und Literaturwissenschaftler, referierte über die "Wellenartellerie", über die Verknüpfung von Radio und Macht, Sender und Militarismus, Funk und Krieg: "Am 24. Dezember 1942, 32 Tage nach der Einschließung der 6. Armee bei Stalingrad, lief im Großdeutschen Rundfunk eine sogenannte Weihnachts-Ring-Sendung. Ein Sprecher in Berlin rief Wehrmachtseinheit nach Wehrmachtseinheit vor die Mikrofone. Von Stalingrad über die Murmanküste und Norwegen bis nach Frankreich, Süditalien und Kreta. Und alle sangen - sie erst einzel und dann einigermaßen Kopfhörersynchron - "Stille Nacht, heilige Nacht". Ein Hörspiel so groß wie die Festung Europa, so Todesschlafsüchtig wie das Finale der Götterdämmerung, aber auf einer restlos verholenen Medienbasis. Um die Ring-Sendung überhaupt möglich zu machen, mußte der Staatspropaganda-Sender seine Übertragungswege für einmal kurzschließen mit den geheimen sogenannten Wehrmachtnachrichtenverbindgungen."
"Aide Memoire" von Georg Katzer. Eine Auftragsarbeit für den DDR-Rundfunk. Ausgangsmaterial für dieses Hörstück waren ausschließlich Originaldokumenten aus der Zeit des Dritten Reiches.
Freitag, 7. Oktober
Am Programm standen:
"The Antipodean Avantgarde. Sound Art and Radio Art in Australia"
"In der einfachsten Definition kann Radiokunst als diejenige Form der Kreativität gedacht werden, die in ihrer Gesamtheit von der Radiotechnologie abhängt - von der Konzeption, über die Realisation bis zur Distribution, die Verbreitung."
In seinem Vortrag "Sound Art and Radio Art in Australia" stellte Nicholas Zurbrugg u.a. "Surface Tension" - das Australische Pendant zur ORf-Kunstradio-Sendung und den Künstler Alan Vinzents vor.
"Die akustische Kunstwelt aus Sprache ist eine Welt aus Klängen und Geräuschen. Sie umfaßt eine Sprache die zum Laut tendiert zum Sprachklang und zur Musik, dem Allklang der Töne, der akustischen Umwelt. Die Akustische Kunst stellt eine Symbiose dieser Sprach-Geräusch-Welten und Klangorganisation mit den Mitteln der elektronischen Technik dar. Ihr aufnehmendes, sensibles Ohr ist das Mikrofon; Ihr Tonträger, das Tonband, die Kasette, die Schallplatte, der Mikrochip; Ihr sprechender Mund, der Lautsprecher; Eine ihrer Utopien, ein allen zugänglicher Hörraum: Das Radio."
Samstag, 8. Oktober
Am Programm standen:
Und Weibel weiter: "Der kulturelle Überbau hat sich ja bis in die heutige Musikphilosophie hinein gescheut, die Konsequenzen der technischen Revolution und der synthetischen Erzeugung von Ton auf die Musik oder auf die Sprache theoretisch zu Ende zu denken. Daher entsteht das merkwürdige Paradox, daß nicht so sehr - wie gerne geglaubt wird - immer in den avansierten Produktionsstätten der Kulturinstitute fortschrittliche Musik gemacht wird, sondern gerade dort in der populären Musik, die von allen Kulturphilosophen verachtet wird, grundlegende revolutioniäre Erneuerungen im musikalischen Bereich stattfinden."
b) Karel Dudesek und Mike Hentz: "Minus Delta t/Proton/European Mobile Art Project: Radio als Gesellschaftsspiel - eine private Vision von Service und Entertainment".
c) Oil Blo und Armin Medosch: "Radio SubCom - Präsentation des Projektes 'European-Report'":
In seinem Vortrag sagte Klaus Schöning, Dramaturg in der Hörspielabteilung des Westdeutschen Rundfunks und Kurator der erstmals auf der Kasseler Documenta eröffneten Audiothek: "Die Phase der öffentlichen Präsentation akustischer Kunst - außerhalb des Radios - wurde nicht zuletzt durch die Einladung und Einbindung zahlreicher US-Komponisten und Poliartisten in die Entwicklung der vom Hörspiel ausgehenden Aktivitäten beflügelt. Für viele dieser Künstler ist die mehrmediale Performance mit Mikrofon, Tonband, Video, Mischpult und Stimme die geläufigste Form der Darstellung. Die Begegnung dieser künstlerischen Praxis die sich in den Vereinigten Staaten nahezu vollständig außerhalb des Radios und des Fernsehens vollzieht, mit der ganz aufs Akustische und auf Sendungen bezogenen Studioarbeit hierzulande, förderte und fördert weiterhin beiderseitige, belebende Impulse. Das Radio als kultureller Faktor, experimentierend im Kontext aktueller technischer und künstlerischer Entwicklungen."
Helen Thoringtons unabhängige Radioserie "New American Radio" war meilenweit entfernt von einer staubtrockenen Schulfunk-Avantgarde und scheute weder avansierte Rockmusik noch den zeitgenössischen kritischen Politsong.
Im Grazer Funkhaus verlagerten Laszlo Revesz und Gabor Bora in ihrer Performance "Prager Student" das Doppelgängermotiv ins Kunstphilosophische. Ein gezeichneter Tisch, der an die Vorderseite eines Tisches geschraubt wurde, schaffte neue Therorispekulationen.
Janos Sugar beschwor in seiner Performance "Skandal-Methode" im Grazer Funkhaus den kontrollierten Zufall mit Hilfe eines Glückslottorades.
In seinem Vortrag sagte Peter Weibel u.a.: "Repro-Sound heißt ja nicht einfach nur Magnet-Sound alleine - also meint nicht nur die Reproduktion von Tönen und Geräuschen -, sondern Repro-Sound verbindet sich mit der elektronischen Erzeugung und Modulation von Ton. Erst dadurch wird der Repro-Sound, der für mich der charakteristische Sound ist seit 1945 - zu einem unendlichen akustischen Alphabet. Indem er nicht nur alle Geräusche der Welt sampelt, sondern durch die Modifikation dieser Geräusche auch die Brücke schlägt zu jenen Tönen die es bisher auf der Welt noch nicht gegeben hat. Repro-Sound, technisch produzierter und reproduzierter Sound, ist vor allem eine Absage an die traditionellen Musikinstrumente und ihre gravitationelle Verhaftung an Raum und Zeit. Traditionelle Musik mit handwerklichen Instrumenten aus der vorindustriellen Phase der Gesellschaft ist es was normalerweise unsere Konzertsäle und Musikleben beherrscht und diese traditionelle Musik ist für mich nur mehr bürgerlicher Überbau und Unterdrückungsmechanismus. Natürlich nicht die Musik als solche, sondern ihre soziale Rolle, welche diese Musik heute im kulturellen Überbau der Gegenwart spielt."
a) Fritz Grohs: "Die Welt - ein Ei. Phonizisches Puzzle":
In seinem Phonizischen Puzzle "Die Welt - ein Ei" montierte Fritz Grohs polit-rethorische Leerformeln zu einem satirischen Berichterstattungs-Hörspiel. Sämtliche Zitate stammten aus der deutschsprachigen Pravda. Und Fritz Grohs erläuterte dazu: "Der nichtssagende Charakter dieser Verballung ist kaum zu überbieten und dennoch finden sich darin Aussagen von höchster Brisanz und Wahrheit. Elemente der Parodie, der Sprachkritik, der Langeweile, der Wichtigtuerei sind in dieser Arbeit enthalten. In welcher Gewichtung, fällt mir schwer zu beurteilen."
In Graz präsentierte das Duo Oil Blo und Armin Medosch ihr Projekt auf Rädern: "Europa-Report", basierend auf ihren Erfahrungen als moderne Nomaden. Reisenotizen mischten sich da mit Manifesten, Agitation mit Industrialmusic, usw. Oil Blo und Armin Medosch: "Die in dem Projekt Radio-Zitrone- Comics zur Anwendung gekommenen Methoden, betrachten wir im Prinzip immer noch als Richtungsweisend für eine neue Form von Radiokunst. Radiokunst ist nach der Definition von SubCom keine besondere Form von Radio, die es sich in der Kunstnische des konventionellen Radios gemütlich macht, sondern die Kunst des Radiomachens selbst. Radio verwendet einen Code von Sigalformen die unabhängig von den transportierten Bedeutungen ein formales Bezugsystem der Bedeutungen ergeben: Nachrichten, Werbung, Reportagen, Disco- Schul- und Landfunk usw. Jede dieser Sendeformen zeichnet sich durch eine spezifische Radioaura aus, die durch die Stimmgebung der Sprecher Moderatoren aber auch durch die tontechnische Frequenzlage zustande kommt. Ein Beispiel: die Form Nachrichtensprecher vermittelt durch ihr akustisches Eerscheinungsbild eine Radioaura, welche die Information medial überhöht und als Nachricht von kollektiver Bedeutung erst glaubhaft macht. Radio SubCom benutzt die Signalformen des Radios, ohne ihre Inhaltlichkeit zu übernehmen. Radio SubCom ist eine Verwertungsanstalt für Klischees, ein Recycling-Radio gegen mediale Umweltverschmutzung."
Bill Fontana stellte im Rahmen des Symposiums sein Projekt:"Sonic Projections" vom Schloßberg Graz vor. Vogelstimmen aus Australien, Lockrufe Thailändischer Gibbons, ein Nebelhorn aus San Francisco und andere für Graz exotische Klänge wurden via riesiger Lautsprecherboxen vom Schloßberg in die Stadt gesandt. In der Innenstadt fingen 8 an belebten Orten installierte Mikrofone diese Klänge plus den akustischen Alltag ein und sendeten dieses Geräuschambiente weiter ins Landhaus, in dem sich so ein audio-phones Stadtporträt bildete, daß sich ständig veränderte.
Der HörSpielFilm "La Ville/Die Stadt. Metropolis Paris/Berlin" von Pierre Henry im Annenhof Kino stellte das synchrone Ablaufen zweier autonomer Kunstwerke dar. Auf der Leinwand war Walther Ruttmanns Stummfilm "Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt", aus dem Jahre 1927 zu sehen. Und aus den Lautsprechern war gleichzeitig "La Ville/Die Stadt" - Pierre Henrys 1984 entstandenes Hörspiel über die Metropole Paris zu h%ouml;ren. Das HörSpiel "a Ville/Die Stadt. Metropolis Paris" entstand in zweijähriger Arbeit für die WDR-Reihe "Metropolis", in der internationale Künstler und Komponisten Klangporträts großer Städte realisierten. Das Werk von Pierre Henry wurde strukturiert durch zahlreiche akustische Mikrozellen, Sequenzen, die wie Mosaiksteine zu einem Ganzen gefügt wurden. Henry gruppierte dabei sein Material zu Motiven und Themen. Der HörSpielFilm "La Ville/Die Stadt. Metropolis Paris/Berlin" war nicht nur eine Hommage an den deutschen CinČasten Walther Ruttmann, sondern weiste zugleich auf die audiovisuelle Synthese zweier unterschiedlicher Medien, auf die produktive Korrespondenz zwischen der Montagesprache der akustischen Kunst und der des Stummfilms hin.
