10. OCTOBER 1991 |
außerdem: II. "Homo Politicus Vulgaris"
|
Sprache ist mehr als "nur" ein Instrument zur Vermittlung von Botschaften, sie hat nicht nur kommunikative Funktion. In ihrem Tonstück, das im Rahmen der RP4-Serie im Digitalstudio des Wiener Funkhauses produziert wurde, gelingt es Gudrun Bielz, die Schönheit der Akustik menschlicher Sprache gerade durch die Demontage ihres instrumentellen Charakters zum Ausdruck zu bringen. Sprachen, Stimmen als Elemente akustischer Kunst. Die Stimmen stammen aus Gesprächenfetzen anderer Sprachen fürgen sich hinzu. Gudrun Bielz verleiht ihnen Rhythmus, Inhalte werden als Nebeneffekte hörbar oder sind nicht mehr entschlüsselbar. Entweder weil man der Sprache nicht mächtig ist (Fragmente in japanischer Sprache sind u.a. zu hören) oder weil die Stimmen in Töne und Geräusche transformiert wurden: ihr sprachlicher Gehalt ist nicht mehr identifizierbar. Der Idee, die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf den ästhetischen Aspekt des Phänomens Sprache zu lenken, liegt eine persönliche Erfahrung der Autorin zugrunde: sie hat in London einige Zeit mit einer Japanerin zusammengelebt. Die Melodie der für Gudrun Bielz unverständlichen Sprache gab ihr den Anreiz zum akustischen Experiment: Sprache wirde demontiert, Wörter und Geräusche neu zusammengesetzt, die in ihrer rhythmischen und melodischen Anordnung als eine Art Musik wahrgenommen werden können. "Stimme und Töne. Eine Japanerin, ein Engländer sprechen. Demontage und neues Zusammensetzen von Wörtern, Geräuschen vielleicht eine Art Musik oder eben eine neue Montage. Sensorische Deprivation ist eine Foltermethode. Ein Raum ohne Geräusche - unvorstellbar. Radiokunst ermöglicht, Sprache, Geräusche, Töne gezielt einzusetzen, zu montieren und demontieren, zu experimentieren. Der Hörer entscheidet über die Zusatztöne in seinem Raum, die aus dem Radio eben. Auch wenn nichts gesendet wird, wäre es nie sensorische Deprivation. Der Raum, in dem sich der Hörer befindet, ist nicht still." (Gudrun Bielz).
Dauer: 15'50"
A CASSETTE OF THIS PROGRAM CAN BE ORDERED
FROM THE "ORF TONBANDDIENST"
In Zusammenarbeit mit Agnieszka Waligorska und Pekka Siren hat Jovanovic dieses Hörstück als Auftragsarbeit für das Dokumentationsprojekt des finnischen Rundfunks im YLEIS-Experimental-Studio in Helsinki realisiert. "Homo Politicus Vulgaris" ist ein Beitrag akustischer Kunst, in dem der Autor auf die akutellen Geschehnisse in seiner Heimat Jugoslawien bezieht. Jovanovic dokumentiert nicht - dennoch legt er mit dieser Arbeit Zeugnis ab über das Grauen einer Epoche, über die Vergeudung von Menschenleben und den hohen Blutzoll im Namen von Ideologie und/oder eines falschen Nationalbewußtseins, mit denen sich Herrschaft und Gewalt stets zu tarnen wußte. Die akustisch hör- und fühlbare Vermittlung von Angst, Terror und Krieg (Kinderweinen, Salven aus Maschinengewehren ...) wird laufend durch Ansprachen und Appelle unterbrochen: die formale und inhaltliche Demontage einer Fernsehrede des Generals der jugoslawischen Armee ist als Synonym für ein Morden und Kämpfen ohne Sinn und Vernunft wahrzunehmen. In "Homo Politicus Vulgaris" geht es nicht zuletzt auch um die Erfahrung einer ganzen Generation, wie Jovanovic erklärt: "In der wahnsinnigen und grausamen Geschichte der Menschheit hat es nur sehr wenige Generationen gegeben, die nicht zu Zeugen von Horror wurden. Meine Generation wird den Schrecken mit ins Grab nehmen. Ich bin Gewehrkugeln und Gefängnisgittern entkommen, aber der üble Geruch dieser Epoche wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Es gab nur zwei Möglichkeiten im Terrorregime stalinistischer Prägung: Tod oder Gefangenschaft. Die Überlebenden in meinem Land werden sich immer an die grenzenlose Dummheit und Verlogenheit dieser "Gulags" erinnern. "Homo Politicus Vulgaris" ist ein akustisch vermittelter Albtraum dieser Millionen von verfolgten Menschen".
|
