Eine Radio-Collage über den Krieg und seinen
Schrecken von RBW 21 (Gue Schmidt und Fritz Fro)
Ebenso wie im RBW-Beitrag "Welt bei Tag", der Anfang vorigen
Jahres im Kunstradio zu hören war, ist das Grundthema der
beiden Autoren auch diesmal der Krieg, die menschliche Aggression
und deren Folgen.
Das in vier Teile gegliederte Hörstück handelt von der Jugoslawien-Krise, von den bewaffneten Konflikten und dem Elend in
unserem Nachbarland, aber die Autoren zeigen den Hörern durch
ihre Art der Bearbeitung, daß es sich ebensogut um eine der
anderen zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen mit ihren
grausamen Konsequenzen handeln könnte: letztendlich bleiben die
Betroffenen mit ihrem Leid, ihrem blinden Haß alleine, weil -
wie Gue Schmidt sagt - das subjektive Leiden von Außenstehenden
nicht mehr erfaßt werden könne.
Im ersten Teil des Hölstücks sind vorwiegend O-Töne, hauptsächlich Radio-Sendungen entnommen, zu hören: Korrespondenten-Berichte, Interviews mit Politikeria und dem "Mann von der Straße".
Aussagen werden gegenübergestellt, so daß die Widersprüche klar
hervortreten. Entfremdungseffekte in der Bearbeitung des O-Ton
Rohmaterials, sowie synthetisch generierte Klänge akzentuieren
die akustische Darstellung des Konfliktverhaltens und tragen
dazu bei, daß auch Sprachunkundige das Geschehen mitverfolgen
können ( die O-Töne sind z.T. in serbischer und kroatischer
Sprache).
Im zweiten Teil efolgt die musikalische Darstellung eines
Stimmungsbildes, das'sich aus der Dynamik
des vorangegangenen O-Ton-Parts entwickelt: es kommt zur Eskalation der Gewalt.
Zwar verwendet RBW auch in diesem Teil O-Töne aus Korrespondenten
berichten, aber in so fragmentierter Form, daß nicht mehr der
ginngehalt, sondern nur mehr die Stimmungslage als solche akustisch
erfaßt werden kann: die rasche Ausbreitung und Intensivierung
des Konflikts, der Aggressionen auf beiden Seiten.
Als akustisches Synonym für diese Situation ist ein Wassertropfen
zu hören: er symbolisiert den Widerspruch zwischen der relativen
Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im,Geschehen (gleich einem
Wassertropfen) einerseits und der Größe seiner subjektiven Wahr
nehmung des Leidens andereseite. Er steht aber auch für die
"Relativität" der Wahrheit: die eine Partei kann das eigene Unrecht
und das Leid der anderen nicht erfassen und umgekehrt.
"Das erste was stirbt, ist die Wahrheit", sagt jemand über diesen
Krieg. Denn sowohl die,die drinnen stehen, als auch die.Außen
stehenden erweisen sich als unfähig, sie zu realisieren.
Im dritten Teil sind die Informationen, die O-Töne bereits derart
fragmentiert aufbereitet, daß über die akustisch ve-mittelte
Stimmungslage keine gedanklichen Interpretationen mehr möglich
sind: der Zustand der Gewalt, des Krieges kann nur mehr durch
das Unterbewußtsein aufgenommen werden.
Im vierten und letzten Teil ist ein Rauschen zu hören: der Wind,
der über eine verlassene Landschaft streicht. Das Land und seine
Dörfer und Städte sind von der Zerstörung gezeichnet: aus-und-ab
gebrannt, zerbombt und verwüstet bigibt eine kahlg,' stille Land
schaft zurück, eine große Einsamkeit.
15 Sekunden lang ist wieder der Wassertropfen zu hören, wie der
ständige Fluß der Zeit - oder aber wie das Herzklopfen jener Frau, die
überlebt hat und nun inmitten dieser Zerstörung zurückbleibt: "Es war ein
furchtbarer Augenblick. Rings um mich war alles totenstill, ich hörte nur das laute Pochen meines Herzens ..."