Die Tagebuchaufzeichnungen der heute 81jährigen Künstlerin Lucienne Bloch
über ihre Erfahrungen und Eindrücke als Begleiterin der mexikanischen
Malerin Frida Kahlo, die im September 1932 von Detroit nach Mexico City
fuhr, um dort ihre todkranke Mutter zu besuchen, bilden den äußeren
Handlungsrahmen des eigentlichen Themas dieses Hörstücks: die
Existenzbedinungen schöpferischer Frauen im 20. Jahrhundert.
Um sich den beiden Künstlerinnen Lucienne Bloch und Frida Kahlo und ihrem
inneren Erleben anzunähern, ist Katharina Riese die Strecke Detroit -Mexico
City 60 Jahre danach in einer Art Pilgerreise nachgefahren. 40 Minuten
Zuggeräusche transportieren eine Komposition aus Texten, O-Ton, Prosa und
Fakten. Der historische Zeitrahmen, die sehr unterschiedlichen
Persönlichkeitsprofile der beiden Künstlerinnen lassen sich erahnen.
Zum Zeitpunkt der Reise sind die beiden Frauen noch sehr jung (Frida
Kahlo ist 25, ihre Freundin 24 Jahre) und doch schon ausgereifte
Persönlichkeiten. Ihre Empfindungen werden von den politischen
Ereignissen der Zeit geprägt: Massenarbeitslosigkeit und Armut,
der Geist des Antisemitismus zeigt in Europa bereits sein gewalttätiges Gesicht; Auch in Übersee lassen sich Künstler von der
Russischen Revolution und den marxistischen Ideen begeistern.
Lucienne Bloch und Frida Kahlo haben einiges miteinander gemein: die beiden
Künstlerinnen jüdischer Abstammung sind mit Männern liiert, die ebenfalls
die Kunst zum zentralen Lebensinhalt gemacht haben: Frida Kahlo ist mit dem
Maler Diego Rivera verheiratet, Lucienne Bloch mit Stephan Dimitroff,
Assistent bei Rivera. Beide sehen also zu einem "Meister" auf und geraten
als Frauen berühmter Männer und Künstlerinnen in Konkurrenzverhältnisse
ihren Ehegatten und anderen Frauen gegenüber, Dennoch sind die beiden
Frauen ihrem Wesen nach sehr verschieden: Frida Kahlo gibt sich dramatisch
und aggressiv, sie steht im Mittelpunkt. Lucienne Bloch ist eher
distanzierte Beobachterin, nichtsdestoweniger aber witzig und warmherzig.
Auch die Reise von Detroit nach Mexico ist für die Künstlerinnen von sehr
unterschiedlicher Bedeutung: während sie für Lucienne Bloch
bloß eine interessante Abwechslung darstellt, ist sie für Frida Kahlo
ein Leidensweg, eine Eskalation des physischen und psychischen Schmerzes.
Die vorübergehende Trennung von Diego Rivera macht sie verzweifelt.
Ihr Gesundheitszustand ist sehr schlecht: sie ist gezeichnet von den
Folgen eines schweren Straßenbahnunfalls in ihrer frühen Jugend, sowie
von einem kürzlich erlittenen Abortus.
Immer wieder gerät sie in Angst und Panik, ihre Mutter nicht mehr lebend
zu sehen.
Die Zugreise, das Befördertwerden durch Landschaften, wird zum Symbol
für die gemeinsam begangene "Fahrt" durch eine Epoche. Die Fahrtrichtung,
sowie der Erlebnishorizont ist durch Gleise vorgegeben und begrenzt.
Für (schöpferisch tätige) Passagierinnen ist es schwierig, die Route
selbst zu entscheiden, neue Welten abseits der Gleise zu ergründen,
Auch 60 Jahre nach Frida Kahlos und Lucienne Blochs Reise.
Das Hörstück "Die lange Bahnfahrt" ist Teil eines multimedialen Projekts
von Katharina Riese, die ihre "Pilgerfahrt" - ausgehend von den
Tagebuchnotizen Lucienne Blochs - filmisch und mittels
Tonbandaufzeichnungen dokumentiert hat. Unter Anwesenheit von Lucienne
Bloch wird Katharina Riese in der ALTEN SCHMIEDE am 10. September 92 um
18.30 ihre Erzählung "Die lange Bahnfahrt-.." sowie die FiIm- und
Tonbanddokumentationen der Reise präsentieren.