KUNSTRADIO
"STUCK HERE FOR A WHILE"
von Bob Ostertag
english version

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"Reality music" -,Musik der Wirklichkeit nennt der amerikanische Komponist
und Medienkünstler Bob Ostertag seine brandneue Radioarbeit "STUCK HERE FOR
A WHILE". Einen Moment gesellschaftlicher Wirklichkeit, der vor einem
Jahr, im April 1992, die amerikanische Nation in Aufruhr versetzte, hat Bob
Ostertag zu einer,Komposition verarbeitet: fÜr "STUCK HERE FOR A WHILE" hat
er die Aussagen von Rodney King aufgenommen. Rodney King, ein farbiger
US-Bürger, war bekanntlich nach einem Unfall von vier weißen Polizisten
brutal zusammengeschlagen worden. Ein Augenzeuge hielt damals den Vorfall
mittels Videokamera fest. Diese filmische Dokumentation der Tat hielt die
Justiz jedoch nicht davon ab, die vier Gewalttäter in Uniform
freizusprechen. Diese von der demokratischen Öffentlichkeit als
Rassendiskriminierung verurteilte gerichtliche Entscheidung lieferte den
zündenden Funken für eine Massenrebellion der schwarzen Bevölkerung, wie
sie die amerikanische Gesellschaft seit Jahrezehnten nicht mehr erlebt
hatte.
Bob Ostertag hat Rodney King's eigenes leidenschaftliches Plädoyer, das er
am zweiten Prozeßtag vor einer Gruppe von Reportern hielt, für sein Stück
verwendet; er schließt damit an frühere Arbeiten an, für die er ebenfalls
Augenblicke der Wirklichkeit aus ihrem ursprünglichen Kontext löste, um sie
auf der Ebene künstlerischer Auseinandersetzung ins Bewußtsein der Hörer
dringen zu lassen. Keinesfalls entschärft er dabei die Dramatik der
Ereignisse, die in ihnen enthaltene Verzweiflung und Trauer. Im Gegenteil:
mit einem seiner bekanntesten Hörstücke, Sooner or Later", für das er das
Weinen und Trauern eines jungen Salvadorianers, der seinen toten Vater
begraben mußte, aufnahm, erreichte er umso mehr Wirkung beim Hörer, als er
eine künstlerische, radiophone Form der Darstellung wählte, die den
Abstumpfungs-und Gewöhnungseffekt, den die massenmedial verbreiteten
Dokumentationen täglichen Schreckens fördern, nicht zuläßt.
In "STUCK HERE FOR A WHILE" verzichtet Ostertag - wie schon in anderen
Radioarbeiten - auf die elektronische Verfremdung der Akustik. Die
Originalaufnahmen werden in ihrem natürlichen zeitlichgen Ablauf gespielt.
Für seine Musik zerteilt Bob Ostertag die Originalakustik in "events",
kurze akustische Momente eines Gschehens, die er in Form einer
musikalischen Komposition strukturiert: "Du kannst Dir die Klangquelle als
physisches Objekt vorstellen, das von verschiedenen Gesichtspunkten aus
betrachtet wird. Die Musik läßt den Hörer um das Objekt kreisen; er sieht
es dabei von verschiedenen Positionen aus an, so als würde er es durch
Fenster verschiedener Größe erblicken. Gelegentlich verändere ich die Optik
mittels verschieden geformter Linsen." (Zitat von Bob Ostertag).

1993 CALENDAR 1