KUNSTRADIO


I.

"ID"

von Sergio Messina


II.

"Where are your angels"

von Bob Ostertag


III.

Beispiele Irischer Radiokunst


I.

"ID"

von Sergio Messina


Als Live-Performance hat Sergio Messina "ID" im Rahmen des Ö1-Festes am 12. September im Wiener Funkhaus bereits präsentiert. Das ORF-Kunstradio stellt seinen HörerInnen die Aufzeichnung dieses Live-Ereignisses vor.

"ID" - das Kürzel für einen Namen, ein Ding, für Identifikation als vordringlichstes Prinzip. Die Suche nach der "ultimativen" Identifikation bzw. Selbstdarstellung, ist zu einem Leitmotiv der Gesellschaft - und nicht zuletzt der Medien - geworden, sagt Sergio Messina zur Grundidee seiner Live-Performance: "Sicherheitsmaßnahmen haben dazu beigetragen, daß die Identifikation von Personen letztlich zum Paradoxon werden mußte. Was ist ein Papier wert, das niemandem irgendwelche neue, nützliche Informationen geben kann, das den Inhaber nicht repräsentiert (...), das man aber die ganze Zeit mit sich herumzutragen hat ...? Papieren wird jedenfalls mehr Vertrauen entgegengebracht als Dir - auch dann noch, wenn diese gefälscht sind. Das größte Übel daran ist aber die Tatsache, daß Identitätsausweise keinesfalls dazu verhelfen, auf die ganz fundamentalen Lebensfragen Antworten zu finden: WER BIN ICH? KANNST DU MICH ERKENNEN? WAS SIND DIE SIGNIFIKANTESTEN WESENSMERKMALE MEINER PERSON - JENE, DURCH DIE ICH UNMITTELBAR ZU IDENTIFIZIEREN BIN?"

Die Radio-Performance "ID" gipfelt letztlich in einem "Schwall" von Daten, die der in Mailand und Rom lebende Medienkünstler als Signale und Botschaften einem ihm unbekannten, anonymen Publikum zur Kenntnis bringt: es sind Daten zu seiner Person, amtlich erfaßte Koordinaten zur Festschreibung seines Daseins, zur Bestätigung seiner Existenz, wie z.B. Geburtsdatum, Wohnort usw. In Anspielung an die die Ein-Weg-Kommunikation eines Radiosenders, der seinem Publikum seine Identität und seinen Standort im öffentlichen medialen Raum zu erkennen geben will, vermittelt Messina diesen Datenstrom an seine inkonkrete Zuhörerschaft, die - so der Künstler - nach Orientierung sucht:

"Damit erfüllt sie (die Radio-Message, Anm. der Autorin) den selben Zweck wie ein Nebelhorn; es sagt Dir, wo Du bist und überläßt es Dir selbst, wohin Du Dich bewegst. Niemals aber wird es Dich nach Deiner Meinung fragen ..."

Als "Nebelhornsignale" wertet Messina offizielle Ankündigungen und Absichtserklärungen (via Medien) - wie etwa: "Hier ist Radio Vatican. Wir werden jetzt Nachrichten in 45 Sprachen senden". Der Zuhörer, so Messina, der ratlos an den Knöpfen dreht, sucht im Weißen Rauschen, im Strom der akustischen Zeichen und Daten, nach Erkennungs- und Identitätsmerkmalen: Die hörbaren Charakteristika der verschieden Radiostationen, Sender und Programme, jedes mit eigenem Logo und Trailer, die Moderatoren mit ihren unterschiedlichen Stimm- und Stilmerkmalen helfen ihm, einen Leitfaden durch diesen "Dschungel" zu finden.

Als wenig erstrebenswert empfindet Sergio Messina hingegen die Zukunftsvision bilateraler Kommunikation mit den verschiedenen Objekten und Medien, die uns ihre täglichen Botschaften und Imagepräsentationen zukommen lassen: "Es würde mich nerven, wenn mich das Logo einer Coca-Cola-Flasche danach fragen würde, wer ich eigentlich sei".

"ID" ist eine multimediale Performance: Tonaufzeichnungen werden eingespielt, Gitarrensoli verbinden die Samples, von denen Sergio Messina ausreichend Gebrauch macht: "Das erlaubt mir, Realtät "zu spielen" als wäre sie eine globale Juke Box".


II.

"Where are your angles"

von Bob Ostertag



PLAY

Kommunikation als Element kriegerischer Aggression, Gewalt und Zerstörung ist das Hauptmotiv der Radiokomposition "Where are your Angles" von Bob Ostertag. Mitschnitte von Funksprüchen US-amerikanischer Bomberpiloten während ihrer Angriffe auf Lybien bilden das Ausgangs- und Grundmaterial dieses Stücks. Die Auftragskomposition "Where are your Angles" beruht - wie bereits frühere im ORF-Kunstradio vorgestellte Arbeiten - auf Ostertags Konzept der "reality music", der Realitätsgebundenheit des Motivs, des Materials. Nach den Hörstücken "Burns like Fire" und "Sooner or later", in denen der kalifornische Komponist O-Tonaufzeichnungen von gesellschaftspolitisch und zeitgeschichtlich brisanten Ereignissen (Prozeß gegen rassistische Polizisten in Kalifornien, Bürgerkrieg in El Salvador) verarbeitet hat, ist es ihm mit "Where are your Angles" nun auch diesmal gelungen, eine akustisch-musikalische Parabel zu realisieren, in der ein weiteres "heißes" Thema in den Mittelpunkt des radiophonen Hörraums gerückt wird: die Sprache als Mittel der Gewalt, menschliches Kommunizieren im Dienste militärischer Aggression am konkreten Beispiel der Attacke gegen Lybien.


III.

Beispiele Irischer Radiokunst


Im Rahmen des "First Irish Radio Art Project" wird an acht Abenden im Oktober (10. bis 13. und 17. bis 20. Oktober) internationale, vor allem aber auch irische Radiokunst vorgestellt. Sendestationen der verschiedenen Arbeiten - teils Live-Projekte, teils Aufzeichnungen - ist das Irish Museum of Modern Art in Dublin. Im ORF-Kunstradio sind Radiokompositionen Bildender Künstler aus Irland zu hören. Die Klänge der Künstler werden in der Zeit zwischen 22 Uhr 49 und 22 Uhr 59 live aus Dublin nach Wien übertragen.


1994 Calendar 2