KUNSTRADIO

            12.10.1995

"taxis"

ein akustisches Hypertext-Environment

Gerfried Stocker / Rupert Huber

"Taxis" ist eine live Produktion für das ORF-Kunstradio anläßlich der Frankfurter Buchmesse '95.

Realisation: Gerfried Stocker, Martin Schitter, Rupert Huber, Oliver Frommelt, Wolfgang Reinisch u.v.a. ...

s i m u l t a n

* auf den Sendefrequenzen des ORF-Kunstradios *

* im Internet *

* auf der Frankfurter Buchmesse '95 *


Eine Co-produktion von: x-space, ORF-Kunstradio, GEWI-Lab, Forum Stadtpark Graz, AEC-Linz


PLAY
- 30'20"


A CASSETTE OF THIS PROGRAM CAN BE ORDERED FROM THE "ORF TONBANDDIENST"

(Taxis, pl. taxien) [griech.], Ortsbewegungen frei beweglicher tierischer und pflanzlicher Lebewesen, die von der Richtung abhängen, aus der ein Reiz auf den Organismus einwirkt. Bewegt sich das Lebewesen zur Reizquelle hin, spricht man von positiver Taxie, bewegt es sich von der Reizquelle fort, von negativer Taxie. Wird die Reizquelle auf dem kürzesten Weg angesteuert, handelt es sich um eine lopische Reaktion. Bei der phobischen Reaktion dagegen (Schreckreaktion, Phobotaxis) wird das Ziel erreicht, indem das Lebewesen beim richtungslosen Umherirren jedes Mal zurückschreckt und eine Wendung macht, wenn es in einen Bereich kommt, der ihm weniger angenehm ist.

Ausgangspunkt ist das Romanprojekt "Absolut Homer", herausgegeben von Walter Grond.

Die Konzeption einer verteilten Autorenschaft, die Idee von ".. Gedächtnis, das über seinen Träger hinausgeht als ein Gedächtnis aus vielen Gedächtnissen ..", wird zur maßgeblichen Gestaltungsstrategie.

Lokal wird das Event von einer Klang-Raum-Installation bestimmt. Eine Vielzahl von Lautsprechersystemen, die individuell von unterschiedlichen Signalquellen gespeist werden. Als akustische Materialen werden vor allem Sprachaufnahmen der Autoren bzw. Stimmen in den verschiedenen Landessprachen zum Einsatz kommen.



Das telematische Szenario:

Auszüge des von 22 Autoren geschriebenen Romans werden fragmentiert, weltweit auf verschiedenen Knotenpunkte des Internet (WWW-Server) verteilt und somit öffentlich zugänglich gemacht. Nicht mehr lineare Erzählstränge sondern Textpartikel (sprachliche Informationseinheiten) verdichtet zu Datensätzen, die über hypertextuelle Verzweigungen in wechselhafte, situative Korrelationen zueinander treten.

"Attraktoren", die ins Netz ausgesetzt werden und über Hyperlinks (Verzweigungen und Querverweise) in ein dichtes assoziatives Geflecht geografischer (geopolitische Datenbanken, CIA Worldfaktbook, Satellitenaufnahmen bezeichneter Regionen etc.) und inhaltlicher (Textstellen anderer Odysee-Werke) Bezüge (vor-)führen.

Nicht die Interpretation der literarischen Inhalte ist dabei die Zielsetzung (dies geschieht ohnedies in den vorangehenden Lesungen etc.) sondern deren mediale Transformation, die Umsetzung der dynamischen Prozesse und Korrelationen.

Über das Internet kann man sich in dieser "Hyper-Text-Datenbank" einloggen und per Mouseklick zwischen Texten, (den in verschiedenen Ländern stationierten Internet-Knotenrechnern) navigieren.

Die "Bewegungen" der Internet-User, ihre Sprünge zwischen den Texten generieren unaufhörlich neue Konstellationen und liefern die Impulse für die Gestaltung der lokalen klanglichen Ereignisse. Das heißt wann immer eines dieser Textpartikel irgendwo ("internetweltweit") auf einem Computerschirm sichtbar wird, löst dies in der lokalen Installation in Frankfurt die Wiedergabe einer digital gespeicherten Sprachaufnahme derselben Textstelle aus.
Entsprechend der geographischen Verteilung der Netzwerkknoten werden unterschiedliche Lautsprecher angesteuert, die Stimmen im Raum positioniert.
Die Stimmen der Erzähler lösen sich so vom Kontext ihrer Texte. Gesteuert (getrieben) von den Bewegungen der Netzwerk-User verteilen sie sich in den Lautsprechersystemen der Installation, dringen in den Raum ein und besetzen ihn.

Neben diesen sprachlichen Ereignissen, die beim direkten Kontakt mit den Textfragmenten auftreten, werden die Spuren ausgewertet, die beim Durchqueren des "telematischen Raumes" (der "Entfernungen" zwischen den Datensätzen) zurückbleiben und in Echtzeit zur Steuerung musikalischen Materials verwendet.

Sounds und Samples, vor allem "Beats" und "Grooves", die sich in den Vordergrund schieben, die Textpräsenz in der lokalen Installation zurückdrängen und das Event zur Party überleiten, während sich der radiomix zunehmend auf die lautmalerisch, musikalischen Aspekte des multilingualen Stimmengewirrs konzentriert, immer subtiler und reduzierter wird.


Das World Wide Web (WWW), ein Teilbereich des Internet stellt eine multimediale einfach zu bedienende Oberfläche für Information im Internet dar. Durch einheitliche Programmierung sog. Hyperlinks (Markierungen innerhalb eines Dokumentes) kann zwischen über das ganze Internet verteilten Text-, Bild- und Tondokumenten kontextbestimmt verzweigt werden.




1995 Calendar 2