SONNTAG, 29. April 2001, 23:00. - 24:00, Ö1

KUNSTRADIO - RADIOKUNST




wieder. sprechen. lernen.

von Jörg Piringer

[ENGLISH]



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Dauer: 46'28"

A CASSETTE OF THIS PROGRAM CAN BE ORDERED FROM THE "ORF TONBANDDIENST"


gesprochene sprache ist seit jeher ein kampffeld der ideologien und der gesellschaftlichen interessen. mit der erfindung der elektronischen medien wurde gesprochene sprache in massenmedialer weise verbreitbar und somit effizienter und leichter steuerbar. die propagandasendungen des nazi-regimes sind frühe beispiele für bewußte sprachmanipulation und gestaltung zur erreichung bestimmter ziele. seitdem wurden methodik und zielrichtung ständig weiterentwickelt, verfeinert und gewissermaßen "privatisiert": jeder kommunikationstrainer und jede werbeagentur setzt auf bewußte beeinflussung durch sprache.

diesen einflüssen auf die gesprochene sprache nachzugehen und ihre wirkung zu erforschen, ist die motivation zu dieser arbeit.

der dadaist Hugo Ball wollte die vom journalismus bedrängte sprache zurückgewinnen, der dichtung ihren "letzten heiligsten Bezirk" bewahren. auch diese arbeit versucht eine "repoetisierung" der medialen umwelt, eine umdeutung und aneignung. wie Ball reduziere ich, mittels lautpoetischer verfremdung, sprachaufnahmen von werbespots, nachrichtensprechern, managern, politikern, medienstars etc. auf das innerste der sprache: den laut, den klang, die schallwelle.

im gegensatz zur dadaistischen und post-dadaistischen lautpoesie verwende ich in meiner arbeit aus zwei gründen ausschließlich "angeeignetes" sprachmaterial:

um einerseits die illusion des geniehaft schaffenden künstlers zu hinterfragen: in einer gesellschaft, in der selbst autogeräusche einem soundesignprozess entstammen und popmusik zu umweltgeräusch wird, scheint es nur natürlich, auch in der dichtung auf mediale sprachklänge zurückzugreifen - eine entwicklung, die beispielsweise in der musik längst gang und gebe ist: der künstler/dichter als verarbeiter und wiederverwerter.

andererseits bietet sich mir damit die möglichkeit, den wunsch nach gesellschaftskritik mit dem bestreben nach innovativer form zu verbinden. durch die bearbeitung des sprachmaterials wird der semantisch-suggestive zusammenhang durchbrochen und der pure sprachgestus hörbar. die worte und laute scheinen so, vom sinn befreit, durch das hervorkehren der oberfläche oder die verstärkung der oberflächlichkeit deutlicher zu sagen, was ihr sprecher wirklich gemeint haben könnte. eine zusätzliche aussage muß nicht mehr getätigt werden, die sprecher überführen sich selbst.

das zerschmettern der sprache in teilwörter und lautpartikel befreit das material und macht ein anschließendes zusammensetzen und "neues sprechen" - ein sprechen lernen - erst möglich.

wieder.sprechen.lernen besteht ausschlie▀lich aus aus elektronischen medien extrahierter sprache. das stück setzt laute neu zusammen und montiert sie. televisionen rekombiniert als unterstützung der akustischen ebene die sekundärtexte des elektronischen mediums fernsehen, indem es die sätze der kurzbeschreibungen einzelner sendungen in fernsehprogrammzeitschriften zu neuen filmbeschreibungen montiert. so entsteht ein aleatorisches und sich ständig wandelndes programm als ein computergenerierter subtext zur radiosendung.


"Spoken language has always been a battlefield of ideologies and social interests. With the invention of electronic media spoken langugage started to be distributed in a mass media way and therefore became more efficient and more easily manipulable. The propaganda-broadcasts of the NAZI regime were early examples of a conscious manipulation and design of language aimed at very specific goals. Since then, methods and intentions have been constantly developed, refined and in a certain sense privatised. Communications-trainers as well as advertising agencies are, as a matter of course, dealing with and in conscious manipulation of and by language.

With this radio-piece I intend to reflect on these influences and their effects on the spoken language.

Hugo Ball, the dadaist, tried to recapture language which he found to be beleaguered by journalism, and thus to secure a "last holy district" to poetry. Referring to this, my piece attempts at a "re-poeticising" and a reclaiming of the media-environment. Using Ball's method of reducing language via the means of sound-poetry I try to lay bare the innermost sounding of recordings of advertisments, of news, of media-statements by managers, politicians, mediastars.

Other than dadaist and post-dadaist sound-poets, I exclusively use "appropriated" language-material. I have two reasons for this strategy: on the one hand I try to question the illusion of the unique author/genius: in a society in which even car-sounds are designed and popular music blends into the sonic environment, it seems only natural to refer to the language of media as the material of poetry -- a development which is everyday practice in music: the artist/poet as a recycler and processor.

On the other hand this strategy offers me a way to connect social critique with innovative form. By processing the linguistic material its semantically suggestive connection is broken up and the pure gesture of language becomes perceivable. Words and sounds - liberated from their meaning - by emphasising the surface and stressing its superficiality seem to express in a much more effective way, what the speaker really might have intended to say. An additional commentary is superfluous, the speakers are revealing themselves.

The smashing up of language into fragments of words and particles of sounds liberates the material and thus enables its reassembling and a "new way of speaking", a relearning of speaking.

" To again. learn. to speak" consists exclusively of language extracted from electronic media. The radio-piece reassembles sounds and montages them. As a support to the acoustic level, an on-line supplement titled "televisions" recombines secondary texts to the electronic TV medium by montaging short print- descriptions of individual TV programs as they are featured in TV magazines into new descriptions: thus an aleatoric and constantly changing computer-generated subtext to the radio-program is unfolding.



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