SONNTAG, 17. Juli 2005, 23:05. - 23:45, Ö1

KUNSTRADIO - RADIOKUNST



Literatur als Radiokunst (kuratiert von Christiane Zintzen)



» I: Käm' ein Vogel geflogen - von Franz Mon
» II: Ekel des Arztes. Eine Erregung - von Paulus Hochgatterer

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[ English Version ]

Die Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST stellt – erstmals in Dolby Digital Surround - zwei Arbeiten vor, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Seit den frühen 60er Jahren zählt Franz Mon (*1926) zur Avantgarde der experimentell-radiophonen Lautpoesie. Mit seinem Stück «Käm' ein Vogel geflogen» wird die 5.1-Kanal-Technologie zum Experimentierfeld für eine kompromisslose Artikulations-Montage in Wort-Lauten. Anders der Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer (*1961), der das Moment der – in der Medizin verdrängten – Aggression des Arztes gegenüber dem Patienten als Motor einsetzt für eine polyphone (cerebrale, linguale, intestinale, genitale) «Erregung» über den (bzw. das) «Ekel des Arztes».

(Christiane Zintzen, Kuratorin)



Käm' ein Vogel geflogen
von Franz Mon

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http://stream.sil.at:7562/content/2005A/17_07_05a.mp3

«Ich mache seit über vierzig Jahren radiophone Stücke, die für mich genau so wichtig sind wie die geschriebenen, weil ich ganz früh entdeckt habe, dass meine Stimme mit zur Substanz meiner poetischen Arbeit gehört. Die eigentliche radiophone Arbeit konnte beginnen, als die Stereophonie erfunden wurde – das war in den späteren 60er Jahren. Seitdem habe ich rund 14 Hörspiele machen können, die auf der Basis der Stereophonie zu realisieren waren. Für mich war es ein enormes Erlebnis jetzt, die neue Technik – Dolby Digital Surround – kennen zu lernen und praktizieren zu dürfen. Wir begeben uns da in eine Dimension der Stimmerfahrung und Stimmproduktion, die auch von der Stereophonie nicht erreicht werden konnte, weil ich als Sprechender wie als Hörender in einem akustischen Zentrum bin, das homogen ist mit meiner Stimmleistung und Stimmfähigkeit. In diesem Sinne haben wir das Stück KÄM' EIN VOGEL GEFLOGEN konzipiert und realisiert: ein Stück, das mit den Beweglichkeiten, welche die neue Technik erlaubt, arbeitet und dadurch Stimmqualitäten und Worterfahrungen ermöglicht, die bisher nicht zugänglich waren.» (Franz Mon)

  • Statement des Künstlers (mp3) [1]

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Ekel des Arztes. Eine Erregung
von Paulus Hochgatterer

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http://stream.sil.at:7562/content/2005A/17_07_05b.mp3

«Bei jenen Ärzten, die nicht von vornherein geradlinig aufs große Geld losgehen, existiert als unbewusster Hintergrund ihres Arztseins die romantische Idee, es könne etwas gelingen wie die umfassende libidinöse Besetzung des menschlichen Körpers, d.h. ein permanent lustvolles Heilmachen und Lebendigerhalten. Dabei handelt es sich jedoch um eine Projektion eigener Heils- und Unsterblichkeitswünsche, die unter ständiger Abwehr von Affekten des Ekels und der Aggression aufrecht erhalten wird.
Ähnlich kann man das Schreiben des Schriftstellers als eine fortgesetzte Projektion des kindlichen Wunsches nach libidinöser Besetzung der eigenen Sprechsprache auffassen (etwas, das nur Leuten wie Ernst Jandl oder Michael Köhlmeier gelingt).
Drei volle Tage mit dem Erzeugen von Literatur als Radiokunst zu verbringen, bedeutet zwangsläufig, sich intensiv mit eben dieser eigenen Lautproduktion auseinanderzusetzen. Damit erfüllt sich der Autor, entsprechend der oben genannten Hypothese, einerseits einen tief verankerten Wunsch, andererseits hat er sich angesichts der Grobheit, Prahlsucht und Lächerlichkeit des eigenen Lautierens mit frühesten Versagensängsten und Schamgefühlen zu konfrontieren. An der einen Hand eine Kuratorin von biblischer Gelassenheit, an der anderen eine Tonmeisterin, die technische Finesse und Improvisationsfreude in sich vereint, - so übersteht man das ganz gut. Am Ende siegt jedenfalls die Lust am Spiel mit etwas, das 5.1 heißt, vermutlich ein enger Verwandter von R2D2 und C3PO ist und den Text aus allen Richtungen über einen hereinbrechen läßt. Herrlich.» (Paulus Hochgatterer)

  • Statement des Künstlers (mp3) [1] [2]

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