Anmerkungen zum Volksempfang
von Richard Kriesche
Radio läuft so einfach wie Wasser aus der Leitung. Derselbe Staat, der
seit 1870 seine Bevölkerungen unter planmäßigen Waschzwang setzte, hat
es den Europäern ja beschert. Daß Rundfunkempfänger auch über einen
Sendersuchlauf verfügen, scheint nur noch beim Autofahren klar, zu
Hause aber – nach statistischen Erhebungen dieser Haushalte – völlig
vergessen. Während die Krise des Fernsehens immerhin einen neuen
Volkssport namens Zapping hervorgebracht hat, bleibt der einmal
eingestellte Rundfunksender, nur von An und Aus unterbrochen, auf
Dauerempfang.
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Über Medien, die ihren Sättigungsgrad erreicht haben,
ist es schwer zu schreiben. Sie verschwinden im Zusammenfall von
Hochtechnologie und Alltäglichkeit. Sie dringen, wie einst nur die
Nachtigall, aus allen Nachbarhöfen ans Ohr, um im Glücksfall, nicht
anders als der Vogel aller Lyrik, Gottfried Benns Gedichte auszulösen.
Im Normalfall dagegen steht (mit den Ingenieuren gesprochen) die
Leitung, obwohl oder gerade weil sie drahtlos ist. Vor allem durch den
Kunstgriff, als erstes elektronisches Programmmedium Tag und Nacht zu
füllen, ist das Radio zur platonischen Wesenheit geworden, die den Stoß
des Ereignisses, Medium zu sein, zu unaufhaltsamen Verschwinden bringt.
Und doch entspricht dieses Verschwinden auf Empfängerseite nur dem auf
Senderseite. Was auf der stehenden, aber drahtlosen Leitung schließlich
beim Hörer ankommt, hat mit der Technologie des Mediums nichts zu
schaffen. Da Niederfrequenz, dort Hochfrequenz, da akustische
Schwingungen, dort elektro – magnetische. Nicht umsonst hat Shannons
Informationstheorie, der alle modernen Medien auch praktisch gehorchen,
den Empfänger und die Senke einer Information, im Radiofall also die
Apparate und die Hörer, kategorisch unterschieden, aber nur, um der
mathematischen Theorie selbst jede Berücksichtigung der Senke von
vornherein zu ersparen. So verläuft eine Trennlinie, die selber
unhörbar ist, zwischen dem Gehörten und dem Gesendeten. Schon die
technische Prämisse aller Radioübertragungen zieht diese Grenze: Die
hochfrequenten Trägerwellen, denen das niederfrequente Sprach- oder
Musiksignal aufmoduliert worden ist, strahlen seltsamerweise erst bei
Frequenzen, die mit Sicherheit über der oberen Hörgrenze von
Menschenohren liegen, von der Sendeantenne in den freien Raum ab.
Übertragung beginnt also, wo alle Empfangsmöglichkeiten aufgehört
haben. Zur technischen grenze tritt zweitens eine militärisch –
industrielle, die nur den Ursprung aller Radioschaltungen im Ersten
Weltkrieg fortschreibt. All die zivilen Frequenzbänder auf Lang-,
Mittel- Kurz und Ultrakurzwelle, so weit sie auch über ihre Senke in
Menschenohren hinausreichen, verschwinden als winzige Fenster in einem
Spektrum, das vom Gigahertzbereich der Spionagesatelliten bis zum
Längstwellenfunk der unterseeischen Raketenträgersysteme reicht. Daß
also hier, auf der menschenzugewandten Seite der Medien, im Normalfall
eine einzige drahtlose Leitung steht, entspricht der Verteilung von
Frequenzbändern nur allzu genau. Dort dagegen, im elektronischen
Niemandsland, „wo die Imperien herrschen, die es nicht gibt“, gilt
Shannons Theorie in aller Strenge. Erstens sind zivile Rundfunkgeräte
(mitsamt ihren menschlichen Senken) durch Gesetze oder Erlässe, die
seit dem Gründungstag von Zivilrundfunksystemen gelte, gegen den
Empfang militärisch – industrieller Information grundsätzlich
plombiert. Und zweitens können die imperialen System mittlerweile auf
informationssenken auch ganz verzichten: Bei der National Security
Agency, dem weltweit größten Funkabhör – Geheimdienst i amerikanischen
Fort Meade, läuft die Auswertung aufgefangener Signale seit 1957
automatisch, nämlich über Entschlüsselungscomputer. So entspricht der
Schließung des Unterhaltungsmediums Radio nur allzu genau eine
Selbstschließung von Informationstechnologien auf der anderen, der
menschenabgewandten Seite. Was die Empfängerantenne hereinholt, ist
mithin nicht nur, wie das Licht schon seit Herschel und Ritter, ein
wahrnehmbarer und in Goethebüchern auch noch beschreibbarer Sonderfall
zwischen zwei unsichtbaren Grenzbereichen namens Infrarot und
Ultraviolett; es ist ein unwahrnehmbarer, aber noch erlaubter
Sonderfall im großen Arsenal der Arcani imperii. Immer wenn oder nur
wenn wieder einmal geputscht wird, wissen es plötzlich alle. Dann
stehen Schützenpanzerabteilungen vor den Sendehäusern, ob in Wien,
Moskau oder Bagdad, um zwischen Imperien und Leuten einen singulären
Kurzschluß zu schalten. Saddam Hussein soll einmal gesagt haben, daß
die angebliche Sozialrevolution, die ihn an die Macht brachte,
selbstverständlich, ein schlichter Radioputsch war, nur eben der letzte
in Iraks Geschichte. Denn seitdem er an jener Macht ist, sind alle
irakischen Sendehäuser ins Herz des Putsches selber verlagert: in die
schwerbewachten Innenhöfe von Panzerdivisionskasernen.
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Zunächst
und zumeist aber, im Intervall der Ausnahmezustände, gibt es zwischen
Imperien und Leuten die Standards. Sie sorgen dafür, daß und wie das
Unhörbare im Lautsprecher Ton, das Unsichtbare auf dem Bildschirm Bild
wird. Gerade weil Unterhaltungsmedien nur laufen, wenn sie alle
Maßstäbe der Wahrnehmung für Zeit und Raum unterlaufen, sind Standards
notwendig wie Kupplungen, die einem durchgemessenen Ohr oder Auge aus
lauter Wellensalat das Seine antragen. Ob dieses Seine der
physiologischen Bandweite von Sinnen entspricht oder, wie im
klassischen Fall der Mittelwelle, nur ein Kompromiß zwischen
verfügbaren Frequenzbändern und interessierten Rundfunknationen ist,
spielt solange keine Rolle, wie noch kein neuer Standard einen
durchgesetzten im nachhinein bloßstellt. Eben weil die Selektion die
möglichen von den unmöglichen Phantasmagorien am Medienausgang immer
schon ausgrenzt, kann sie selber nur verborgen bleiben. Das ist der
ganze Unterschied zwischen Medienstandards und Kunststilen. Im
Weltzeitalter der Künste durften Kulturverbraucher, was ästhetisch der
Fall war, grundsätzlich sehen oder hören. Ausgespart blieben nur die
Geheimnisse der Werkstatt und allenfalls noch, seitdem die Goethezeit
ein Phantom, namens Autor ins juristisch – ästhetische Leben gehoben
hatte, die Geheimnisse eines Künstlerlebens. Der Stil aber, ob mit
diesem Menschen alias Künstler schon identisch oder noch nicht, mußte
einfach deshalb Phänomen werden, um am einzelnen Kunstwerk „zu erkennen
, was es anderen Kunstwerken verdankt und was es für weitere neue
Kunstwerke bedeutet“. Im Medienzeitalter, obwohl es so viel mehr zu
sehen und zu hören gibt, sind weit hinter den Werkstätten und
Künstlerseelen lauter neue Geheimnisse entstanden. Bevor ein
Fernsehbild steht oder eine Radiosendung läuft, müssen schon, um vom
Stil ganz zu schweigen, Infrastrukturen aufgebaut sein, deren Technik
fast jeder Beschreibung spottet. Was auf Datenblättern oder in
Normausschüssen vorab entschieden wird, bestimmt eben deshalb, weil es
selber weder zu sehen noch zu hören ist, über Augen und Ohren. Vor
jeder Ausdeutung der Endabnehmer, aber auch vor jedem Kunstwillen der
Regisseure oder Programmgestalter stehen technische Standards und
elektronische Grundschaltungen, die unsere sogenannte Medienästhetik
strenger vorprogrammieren als jeder historische oder individuelle Stil.
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Als
alles noch neu war, sind die Leute erschrocken. Der Doppelgängereffekt
in frühen Stummfilmen, also vor dem Ersten Weltkrieg, zitierte nur das
Erschrecken vor der Kinokamera selber, wie sie Körper in ihre
Doppelgänger verwandelte. Die Bergwerke und Schützengrabenunterstände
in frühen Hörspielen, also nach dem Ersten Weltkrieg, zitierten nur das
Erschrecken vor dem Radio selber, wie es Körper in unsichtbare
Hörwelten entführte. Hinter solch melodramatischer Panik, die im
Studenten von Prag oder in der Comedy of Danger ja ganze Kino- oder
Hörspielhandlungen tragen konnte, stand aber die unmögliche Einsicht,
einer Zeit anzugehören, deren Existenzbedingungen angewandte Mathematik
waren und sind. Differentialgleichungen und nur sie beschreiben, was
mit elektrischen Wellen der Fall ist; Werte der Booleschen Algebra und
nur sie beschreiben, was mit digitalen Schaltungen der Fall ist. Daher
das ganze Entsetzen der Juristen um 1900, das Rechtssystem um
Eigentümer erweitern zu müssen, die nicht mehr einem ebenso
unauffindbaren wie geglaubten Reich des Geistes, sondern dem
unauffindbaren, aber realen reich Maxwellscher Felder zurechneten. Auf
allen Bereichen, vom Urheberrecht bis zum Kriegsrecht, mußte
immaterielles Eigentum erst einmal erfunden werden. Dem Phantom namens
Autor, wie es vom Urheberrecht der Goethezeit inthronisiert worden war,
erwuchsen in Film und Radio lauter technische Doppelgänger oder
Konkurrenten. Aber nachdem der ersten Schrecken vorüber war, verlangten
die Doppelgängerlieferanten ihr Recht und mehr noch „den
annihilierendsten Signifikanten, den es in Bezug auf Signifikation
überhaupt gibt: ihr Geld“. Einem deutschen Rundfunk gegenüber, dessen
erste drei Jahre das Urheberrecht von Schauspielern an ihren Reden
ebenso souverän ignoriert hatten wie das von Schriftstellern an ihren
Werken, mußte die Bühnengewerkschaft, um auf dem Markt technischer
Medien nicht bloß Konkurrenz, sondern auch Profit zu erfahren, erst
einen Musterprozeß beim Bühnenschiedsgericht anstrengen. Die
Theaterleute bekamen schließlich ihr Recht und ihr Geld, aber nicht als
Eigentumsanspruch aufs radiophone Simulakrum von Menschenstimmen,
sondern lediglich als Entschädigung für eine Beeinträchtigung, die der
Persönlichkeit als solcher, den Juristen von 1925 zufolge, aus der
Rundfunkübertragung ihrer Stimmer widerfuhr. Nicht viel anders liefen
die Dinge auf den Schlachtfeldern. Blockade, wie ein altehrwürdiges
Kriegsrecht sie definiert hatte, sah den Fall einfach nicht vor, daß
moderne Blockadebrecher seit 1905, dem Russisch –japanischen Krieg, mit
materielosen Funkwellen operieren. Eine Leere jenseits der Menschen hat
selbst das alte Handwerk des Krieges zersetzt und im Zweiten Golfkrieg,
elf Stunden bevor die ersten Bomberpiloten den irakischen Luftraum
verletzten, als Electronic Warfare auf allen möglichen Funkfrequenzen
schon gesiegt. Daß die Begriffe für das Unwirkliche seiner Wirklichkeit
so lange hinterher hinkten, ist also kein Wunder. Professor Adolf
Slaby, dem auf kaiserlichen Befehl die Ehre zugefallen war, Wilhelm II.
und seine Kriegsmarine (lange vor jeder Radiounterhaltung) mit
drahtloser Telephonie zu beglücken, nannte sein Sachbuch nicht umsonst
Entdeckungsfahrten in den elektrischen Ozean. Und Lee de Forest, der
zumindest nach amerikanischer Leseart durch Erfindung der Triode und
ihrer Rückkoppelungsschaltung das Radio als Massenartikel erst möglich
gemacht hat, rühmte sich autobiographisch der „Entdeckung eines
Unsichtbaren Imperiums der Luft“ – „unberührbar, aber solide wie Stein;
unwägbar, aber höchst substanziell, gleichermaßen weltlich wie
empyreisch“.
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Mittlerweile, durch einen Medienverbund,
der jedem Medium das nächste als Inhalt unterstellt, bis Radio und
Fernsehen, Presse und Musikindustrie in einer einzigen
Rückkoppelungsschleife aufgehen, hat dieses Stauen keinen Leerraum
mehr. Der Schrecken vor dem Immateriellen und die Ehrfurcht vor dem
Empyreum sind einer Alltäglichkeit gewichen, die die siegreiche
Durchsetzung der Medientechnologien ebenso beweist wie verbirgt. Schon
deshalb ist die große Versuchung aller Medienwissenschaft, als
Mediengeschichte vorzugehen, eine Versuchung im Wortsinn. Sicher kann
die Dramatisierung von Gründerhelden, auf der breiten Spur ihrer
Autobiographien, das Staunen der frühen Radiobastler, Fernsehtechniker
oder Filmregisseure in Erkenntnis überführen. Aber erstens ist es schon
lange her, daß ihre Patente, zumal die amerikanischen, an
prozeßerfahrenere Elektrokonzerne gefallen sind. Und zweitens bringt es
Gefahr, eben die Medientechniken, mit denen Geschichte im überlieferten
Sinn, Geschichte als Schrift mithin, womöglich ans Ende gelangt ist,
dieser Geschichte wieder fraglos einzuverleiben. Unter solchen
Umständen scheint es nur zwei Wege zu geben, um die abwesende
Anwesenheit von Medientechnologien zu denken, ohne einem neuen
Historismus zu huldigen: den Weg einer Mathematisierung und den einer
Kehre. Lacan, als ihn die Studenten von 1968 mit einem gewissen Roten
Buch belagerten, hat den ersten gewählt und Revolutionäre verspottet,
die vor lauter altmodischem Handbuchwissen den Stand der technischen
Dinge vergaßen: Ohne daß wir es im mindesten vermuten würden, ist die
Welt, die vormals als die unsere galt, heutzutage an eben dem Ort, den
wir selber einnehmen, in beträchtlicher Anzahl von sogenannten Wellen
bewohnt. Das ist als Manifestation, Gegenwart oder Wirklichkeit der
Wissenschaft nicht zu vernachlässigen und macht es eigentlich nötig,
nicht immer nur von Atmosphäre, Stratosphäre und so weiter zu sprechen,
wenn es um die Umgebung unserer Erde geht. Heutzutage müßte man auch
etwas in Rechnung stellen, was viel weiter reicht.
(…)
Die Ausweitung der Wissenschaft – die sich seltsamerweise ja auch
sehr effektiv bei der Bestimmung dessen erweist, was ist – hat die Erde
mit ihren Fabrikationen umgeben, mit nichts anderem also als den
Effekten einer formalisierten Wahrheit. Es geht um einen Platz, den
wirklich und wahrhaftig elektrische und andere Wellen einnehmen. Keine
Phänomenologie der Wahrnehmung hätte uns jemals die mindeste
Vorstellung von ihnen gegeben, ja sie hätte uns mit Sicherheit nie zu
solchen Wellen geführt. Medien als Ausweitung der Wissenschaft sind
ersichtlich nicht, wie bei McLuhan, Ausweitungen des Menschen. Im
Gegenteil, der ironische Hinweis aus Merleau – Pontys Phänomenologie
der Wahrnehmung macht zur Genüge klar, daß Technologien jeder Einsicht
oder Introspektion entzogen sind. Als „Effekte einer formalisierten
Wahrheit“ verweisen sie einzig auf Zeichenketten einer großen
Papiermaschine namens Mathematik. Um so offener aber bleibt die Frage,
wie diese Wellen, einmal mehr also de Forests „Unsichtbare Imperien der
Luft“ dann noch über den Alltag der Leute, die Lacan ja „Untertanen“
der Medien genannt hat, sollen bestimmen können.
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Dem
einzigen Heidegger ist es womöglich, um welchen Preis auch immer,
gelungen, die Verschaltung zwischen Apparaturen und Leuten als solche
zu fassen. Denn Technik hieß bei Heidegger das
seinsgeschichtliche
Ereignis, daß dem Denken keine ontologische Trennung zwischen
Mensch
und Sein mehr erlaubt, sondern, wie heillos auch immer, erstmals davon
zeugt, daß sie immer schon einander vereignet sind. Nichts
anderes
sollte, in Heideggers Leseart, das Höderlin – Wort von der
Gefahr und
dem Rettenden besagen. Deshalb war es auch Heidegger, den der Ruf des
Radios nicht nur in den bekannten, oft beschriebenen Versuchungen der
Politik, sondern im Denken selber erreicht hat. Was er seine Kehre
nannte, also den Versuch, das Ereignis von Sein und Mensch nicht mehr
phänomenologisch von der Ausstattung eines Lebewesens her zu
beschreiben, entsprang einfach der Unhaltbarkeit einer Philosophie, die
Medien auf Ausweitung des Menschen zurückzuführen und damit
zu
vermenschlichen suchte. 1927, in Sein und Zeit, hatte es noch
geheißen:
Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe. Alle Arten der
Steigerung der Geschwindigkeit, die wir heute mehr oder minder
gezwungen mitmachen, drängen auf Überwindung der
Entferntheit. Mit dem
„Rundfunk“ vollzieht das Dasein heute eine in ihrem
Daseinssinn noch
nicht übersehbare Ent-fernung der „Welt“ auf dem Weg
einer Erweiterung
der alltäglichen Umwelt. Das Radio, damals in Europa noch keine
fünf
Jahre alt, brachte es also schon zum Rang einer philosophischen
Kategorie. Um die Ontologie nicht mehr wie üblich auf Dinge zu
gründen,
sondern auf Beziehungen, die real und gleichwohl immateriell sind, also
etwa bei der „wesenhaften Tendenz auf Nähe“ keinen
einzigen Fuß oder
Stein zu bewegen brauchen, wäre ein besseres Beispiel als
„Rundfunk“
jene von der Reichspost amtlich erzwungene Eindeutschung von Radio ,
kaum beizubringen gewesen. Und doch verschwand diese Post sogleich
wieder hinter einem ´´wir´´, das die
Technisierung Mitteleuropas bloß
erduldete, obwohl oder weil es als ´´Dasein´´,
mithin als Wesen des
Menschen, diese einzigartige Erweiterung nicht zwar seiner selbst (wie
bei Freud oder McLuhan), aber doch der alltäglichen Umwelt
höchstselber
´´vollzog´´. 1938 in der Zeit des
Weltbildes oder Großdeutschen
Rundfunks, war mit solchen Zweideutigkeiten plötzlich
Schluß. An genau
der Stelle, wo das Dasein einerseits zur ingenieursmäßigen
Selbsterweiterung geschritten war, nur um andererseits als
Radiokonsument oder Schwarzwaldbewohner an seinem eigenen Wesen zu
leiden, trat die ``Neuzeit`` selber ins Stadium einer
Wesenserfüllung,
der sie „ mit einer den Beteiligten unbekannten Geschwindigkeit
zurast“:
Ein Zeichen für diesen Vorgang ist, daß überall und in den
verschiedensten Gestalten und Verkleidungen das Riesige zur Erscheinung
kommt. Dabei meldet sich das Riesige zugleich in der Richtung des immer
Kleineren. Denken wir an die Zahlen der Atomphysik. Das Riesige drängt
sich in einer Form vor, die es scheinbar gerade verschwinden läßt: in
der Vernichtung der großen Entfernung durch das Flugzeug, im
beliebigen, durch einen Handgriff herzustellenden Vor –stellen fremder
und abgelegener Welten in ihrer Alltäglichkeit durch den Rundfunk. Elf
Jahre nach Sein und Zeit sind also sämtliche Vorzeichen vertauscht:
Zunächst hat eine weltweite Alltäglichkeit von Kurzwellensendern die
umweltliche, also deutsche Alltäglichkeit aus Reichspost und
Mittelwellenradio abgelöst. Zweitens tritt das Radio mit dem Flugzeug
in eine syntaktische Verschaltung, die seit den Atlantikflügen
Lindbergs und Balbos ja nur noch ihre medientechnische Verschaltung und
das heißt den Sachverhalt bestätigen kann, daß Raumvernichtung ohne
Funkverbindung nicht möglich geworden wäre. Drittens schließlich
ent-fernt kein Dasein eigene Umwelten oder Welten mehr, sondern die
Neuzeit alias Technik selber rast mit einer Geschwindigkeit, die nur
die von elektrischen Wellen sein kann, ihrer Wesenserfüllung entgegen.
Das Radio, mit anderen Worten, hat Heideggers Kehre erzwungen. Sein Ruf
nötigte das Denken, gerade um die Neuzeit zu begreifen, auf deren
ersten und letzten Leitbegriff zu verzichten: Jede Rede vom Subjekt
(auch noch in seiner begrifflichen Liquidierung zum ´´Dasein´´) würde
den Menschen, wie die Technik ihn ebenso unterwirft wie braucht, doch
wieder zum Herrn der Technik umfälschen.
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Eins aber
ist es, diese Kehre zu vollziehen; ein anderes, mit ihr zu arbeiten.
Auf jener menschenabgewandten Mondseite, wie die Rede von Medien sie
(schon seit Schiller) immer nur umschreibt, laufen Dinge und
Unterschiede auch, ohne Ereignis im (Alltagsverstand) zu werden oder
Ereignis (in Heideggers Wortsinn) zu sein. Nur in einer Zwischenphase,
als Analogmedien wie das Radio die Herrschaft antraten, aber (nach
einem Wort des Radioerfinders Marconi) im Unterschied zur Zeitung
sofort wieder verschwanden, hatten die Medien an ihnen selber keine
Zeit, kein Gedächtnis und damit keine Strategie. Die Mediensysteme
bildeten nur Schaltnetze, deren Ausgangsvariablen eindeutig durch die
Eingangsvariablen bestimmt sind, aber noch keine Schaltwerke, bei denen
``die Ausgangsvariablen zusätzlich vom jeweiligen Zustand des Systems
und damit von der Vorgeschichte abhängen``. Im Medienverbundsystem von
heute dagegen ist das Privileg, über dynamisches Gedächtnis oder eben
Geschichte zu verfügen, dem Menschen längst abgenommen. Subsysteme, die
ihre eigene Vorgeschichte speichern, können ganze Populationen bilden
und auf strategischer Ebene miteinander operieren. Deshalb steht vor
den Endabnehmern, diesen Käufer – oder Empfängermassen, schon eine
vorgeschaltete Masse von Systemelementen selber. UKW – Netze erreichen
Bevölkerungen noch im letzten Bergtal nur darum so flächendeckend, weil
ihre Antennentürme nach dem Prinzip des Ballempfangs, also durch
Abhören, Zwischenverstärken und Wiederabstrahlen, selber eine
Bevölkerung darstellen. Computerbetriebssysteme, wenigstens wenn sie
nicht aus der Steinzeitpartnerschaft von IBM und Microsoft stammen,
stellen so viele und teilweise so versteckte Programme bereit, daß der
UNIX – Name daemon allmählich zur Widerlegung aller Begriffe von
Gesellschaft, nämlich zur Wahrheit wird. Heideggers Ereignis, auf
seiner menschenabgewandten Seite, zerfällt also in Mannigfaltigkeit,
von denen niemand weiß, ob sie – wie etwa die mittlerweile zur fünften
Generation fortgeschrittenen Programmiersprachen – selber noch
Geschichte haben. Sicher ist jedenfalls, daß all diese Populationen
über strategische Fähigkeiten verfügen, und allenfalls vermutbar, daß
sie Strategien ganz einfach sind. Unter diesen Strategien aber bleibt
der Funk entscheidend. Je alltäglicher das Radio als Sekundärmedium
ganzer Bevölkerungen läuft, je mehr sein Glanz in Fernsehbilder, die
immer noch Funk sind, oder in Glasfaserkabel, die keiner mehr sind,
auswandern wird, desto eher findet es zur Menschenferne seines
physikalischen Wesens. Schon Marconi rätselte, ob das Rauschen, unter
dem die ersten Transatlantik - Experimente in drahtloser Telephonie so
litten, gar keine Störung, sondern Funkverkehr von fremden Sternen sei.
Und als Kurt Mondaugen, der Ingenieur aller Pynchon – Romane, auf
seinem Horchposten in der Kalahari dieses Hintergrundrauschen abfing,
lautete der schließlich entzifferte Funkspruch
´´DIEWELTISTALLESWASDERFALLIST´´.
Es gibt also eine Schnittstelle, an der Radio als ``Fabrikation der
Wissenschaft`` mit Radio als kosmischer Elektronik zusammenfällt. Der
Volksempfang, für alle Fälle, bleibt an sie angeschlossen.
In: Interferenzen IV, Geometrie des Schweigens, 1991, ISBN 3-900 776-22-9
Vgl.
dazu Meyers Großes Konversation – Lexikon, 6. Aufl. Leipzig – Wien 1902
– 1908, Artikel Wasserleitungen: „Seitdem man die hohe Bedeutung einer
reichlichen Versorgung der Städte mit gutem Wasser für die Gesundheit
und Lebenshaltung der Bewohner erkannt hat, sind viele Städte mit W.
versehen und dabei Einrichtungen getroffen worden, die eine Steigerung
des Wasserverbrauchs in allen Schichten der Bevölkerung bezweckten“
(!).
Vgl. Friedrich Kittler, Benns Gedichte – „Schlager von
Klasse“. Ein Lyriker unter medientechnischen Bedingungen. In:
Manuskripte. Zeitschrift für Literatur, 106, 1989, S. 56-62.
Vgl. Claude E. Shannon/Warren Weaver, Mathematische Grundlagen
der Informationstheorie, München-Wien 1976, S. 43 – 45.
Bernhard
Siegert, Der Untergang des römischen Reiches. In: Paradoxien,
Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener Epistemologie, hrsg.
Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer, Frankfurt/M. 1991, S.
511.
Vgl. Heinz Pohle, Der Rundfunk als Instrument der Politik.
Zur Geschichte des deutschen Rundfunks 1923/38, Hamburg 1955, S. 45-47.
Vgl. James Bamford, NSA – Amerikas geheimster
Nachrichtendienst, Zürich – Wiesbaden 1986, S. 133 –
137 und S. 308f.
Vgl.
Zuhdi Al-Dahoodi, Moscheen als Rundfunkzentralen. Das (v)ideologische
Patchwork Saddam Husseins. Erscheint in: Medien/Revolution, hrsg.
Wolfgang Ernst und Friedrich Kittler, Leipzig 1992.
Niklas
Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst. In: Stil.
Geschichte und Funktion eines kulturwissenschaftlichen Diskurselements.
Hrsg. Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer, Frankfurt/M. 1986,
S.632.
Vgl. Heinrich Bosse , Autorenschaft ist
Werkherrschaft. Über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der
Goethezeit, Paderborn-München-Wien-Zürich 1981.
Jacques Lacan, Das
Seminar über E. A. Poes Der entwendete Brief. In: Schriften, hrsg.
Norbert Haas, Olten-Freiburg/Br. 1973-1980, Bd. I, S.37.
Vgl. August Soppe, Der Streit um das Hörspiel 1924-25.
Entstehungsbedingungen eines neuen Genres, Berlin 1978, S.68-73.
Lee de Forest, Father of Radio, S.4.
Jacques Lacan, Le séminaire, livre XVII: L`envers de la
psychoanalyse, hrsg. Jacques Alain Miller, Paris 1991, S. 174.
Lacan, Le séminaire, livre XVII, S. 185 und S. 187 (meine Übersetzung).
Vgl.
Jacques Lacan, Le séminaire, livre XX: Encore, Paris 1975, S. 76: “(Le
disourse scientifique) a engendre´toutes sortes d´instruments qu´il
nous fout, du point de vue don’t il s´agit ici, qualifier de gadgets.
Vous étes désmormais, infiniment plus loin que vous ne le pensez, les
sujets des instruments qui, du microscope jusque´á la radio-télévision,
deviennent des elements de votre existence.”
Martin Heidegger, Sein und Zeit. Erste Hälfte, 3. Aufl. Halle/S. 1931. S. 105.
Martin Heidegger, Die Zeit des Weltbildes. In Holzwege, 4. Aufl. Frankfurt/M. 1963, S.87.
Vgl.
Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man
Universalgeschichte? Eine Akademische Antrittsrede. Sämtliche Werke.
Säkularausgabe, hrsg. Eduard von der Hellen, Stuttgart-Berlin 1905, BD
XIII, S. 17.
Vgl. Orrin E. Dunlap, jr., Marconi. The Man and his
Wireless, London 1937, Nachdruck New York 1971, S. 266: “A reporter
inquired if (Marconi) agreed with the theory that broadcasting would
harm newspapers. The idea seemed to amuse him. “Radio can never take
the place of the newspaper,” he exclaimed. “Rather do I believe
broadcasting encourages newspaper reading. For instance, I listen to
some interesting news. I call my wive to share it and discover I cannot
find her. She has gone out. If she wants the same news later she must
get it from the newspaper and not from the loudspeaker. The newspaper
has a distinct advantage; it is a record. When a man speaks over the
radio he can deny he ever made such a statement, unless a recording is
made of the speech. It is not so with the newspaper. The matter is
there in black and white. Newspaper clipping can be preserved in a
scrapbook. You can not do that with broadcasting.”
Ulrich Tietze/Christian Schenk, Halbleiter – Schaltungstechnik 5. Aufl. Berlin-Heidelberg-New York 1980, S. 454.
Vgl. Dunlap, Marconi. The Man and His Wireless, S. 267f.
Thomas Pynchon, V. Toronto-New-York-London-Sydney 1981, S. 258. |