I.
Beziehungsweise: NOMADIN.ENTFALTUNG.RESONANZ
Petra Ganglbauer: "Die Nomadin steht (auf einer weiteren Handlungsebene) aber auch für das Individuum, für das verunsicherte Einzelschicksal im Zeitalter des kollektiven Massenvoyeurismus".
Die Nomadin wandert durch verschiedene Geräuschwelten, die dem von ihr repräsentierten System zuzuschreiben sind, durchquert aber auch akustische Zonen, die dem geschlossenen System angehören. In urbane Geräusche mischen sich unmerklich, später aber zunehmend, Naturlaute: Wind, der durch Bäume streift, Blättergeraschel, Vogelgezwitscher. Diese ländliche Akustik geht unmittelbar in jene des Meeres über, bis sich aus den immer stärker werdenen Wellen-und Windgeräuschen schließlich wiederum Stadtgeräusche heraushören lassen: ein Geräuschkreisel setzt ein, die verschiedenen Klangwelten wechseln sich in der Folge immer schneller ab. Am Ende aber folgen Geräusche, die zu einem Endpunkt führen - Todesgeräusche: Panzerkolonnenlärm, Schreie, Hilferufe und Schüsse. Sie bestimmen auch das Geschehen im Rahmen einer anderen Hörsequenz:
"Der Krieg kommt ins Haus. Die Linie des Blutes verfährt am linken Rand des Bildschirms....", sagt die Stimme der Nomadin. "Bildschirmbluff. Fünf zerstückelte Leichen. Die gängige Ware", antwortet zynisch die Stimme des geschlossenen Systems, die Stimme, die dem menschlichen Individuum gegenüber Distanz wahrt, in dem es die pervertierten Interessen eines destruktionslüsternen Kollektivs verfolgt.
Noch wissen wir nicht, ob es der Nomadin gelingen wird, ihre eigenen Wege der Freiheit, der transitorischen Muster, der Zukunftschancen weiterzuwandern, oder ob sie, wenn sie in die Zonen des hermetischen, todessehnsüchtigen Systems gerät, von diesem für immer verschlungen wird....
Mit ihrem Tape-Recorder suchte sie das Universitätsviertel und den großen Marktplatz auf. Auf ihrer akustischen Entdeckungsreise durch diese Gegenden der City gelang es ihr, eine Vielfalt an natürlichen Rhythmen und interessanten Tönen aufzuspüren. Die Schritte der Passanten, die Geräusche einer Maschine, die am Postamt Quittungen druckt, der Lärm, der aus einer Videospielhalle dringt, das Dröhnen einer metallenen Brücke, wenn sie von Autos befahren wird, die Gespräche mit einem alten Geschäftsbesitzer, der vor 60 Jahren seine Heimat Italien für immer verlassen hat, der Gesang eines Mannes am Fischmarkt - aus all dem und aus einigen anderen akustischen Eindrücken "konstruierte" Amy Denio ein Stück musique concrete.
Von ihr selbst komponierte musikalische Elemente (Saxophon, Akkordion, Percussionsinstrumente, Gitarre, Bassgitarre, Singstimme und Keltische Harfe) vervollständigen Amy Denios "Seattle Sound".
